Antenne Bayern - Nachgedacht: Dezember 2016


Montag, 27. März 2017

Das Beste draus machen

Claudia Müller weint. Ihre Mutter ist gestorben. Sie war krank, schwer krank.

„Sie war doch noch nicht mal fünfzig Jahre alt!“, sagt sie.

Ich begleite Claudia von der Trauerfeier zurück zu ihrem Auto.

„Sagen Sie mal, Herr Pfarrer, warum müssen wir überhaupt sterben?“, fragt sie mich.

Ich schweige. Ich habe keine Antwort auf die Frage.

„Ich merke, dass mich das genauso traurig macht wie der Tod meiner Mutter“, sagt Claudia. „Dass unser Leben irgendwann vorbei ist.“

Ich nicke. Wir sind am Auto angekommen.

„Na ja, müssen wir halt das Beste daraus machen“, sagt Claudia.

„Und was wäre das Beste?“, frage ich.

Claudia denkt nach.

„Meine Mutter hat sich um ausgesetzte Katzen gekümmert. Ehrenamtlich im Tierheim gearbeitet. Vielleicht mache ich das jetzt auch“, sagt sie und atmet tief durch.

In diesem Augenblick denke ich mir: Wo Trauer ist, wächst Trost. Vielleicht ist das bei Claudia auch so. Zum Beispiel wenn sie sich um Katzen kümmert. Und sich dabei an ihre Mutter erinnert.

 

Und morgen ist ein neuer Tag

Felix Leibrock, Evangelische Redaktion

 

Dienstag, 28. März 2017

Fehler zugeben

Ich arbeite gerne mit Menschen, die Fehler zugeben. Ohne taktische Hintergedanken Fehler zugeben. Einfach so.

Diese Sätze habe ich getwittert. Und so viele Reaktionen wie noch nie auf einen Tweet bekommen.

„Das können die wenigsten“, schreibt einer.

„Solche Menschen sterben aus“, schreibt eine andere.

Viele zweifeln, ob das mit dem Fehler zugeben möglich ist. Aber die Tendenz ist eindeutig. Alle möchten mit Menschen zusammen sein, wo Fehler zugeben kein Problem ist. Wo ich mich nicht ständig rechtfertigen muss. Vielleicht sogar die Schuld auf andere schiebe, weil ich sonst Ärger mit dem Chef oder der Chefin bekomme. Dieses Fehlerbestreiten bindet so viel Energie.

Fehler zugeben. Die Bibel kennt Beispiele für Menschen, die das tun. Diese Menschen sind nicht schwach, sondern stark. Fehler zugeben hat etwas Befreiendes. Probieren wir es doch mal aus.

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Ups, ich spreche schon zu lange hier. Jetzt habe ich einen Fehler gemacht. Tut mir leid. Morgen pass ich besser auf.

 

Und morgen ist ein neuer Tag

Felix Leibrock, Evangelische Redaktion

 

Mittwoch, 29. März 2017

Alt und jung

Meine Großtante lebt in einem Seniorenheim. Sie heißt Hedwig und ist 101 Jahre alt. Vor kurzem hat sie sich in den Heimbeirat wählen lassen.

„Aber Tante Hedwig, warum machst du das noch? Du hast doch schon genug in deinem Leben geleistet“, sage ich.

Sie schaut mich verständnislos an.

„Ich muss mich doch um die alten Leute kümmern“, sagt sie.

Die Worte meiner Großtante beschäftigen mich seitdem. Obwohl ich nur halb so alt wie sie bin, klage ich manchmal über das Älterwerden. Nicht laut. Mehr so für mich. Wenn das Knie schmerzt. Oder wenn ich mich manchmal frage, ob noch was kommt im Leben.

Von Hedwig lerne ich: Alt sein hat was mit einer inneren Einstellung zu tun. In der Bibel heißt es: Dein Alter sei wie deine Jugend. Man kann auch noch im hohen Alter Verantwortung übernehmen. Sinn im Leben finden.

Wenn ich das nächste Mal glaube, alt zu sein, werde ich an dich denken, Tante Hedwig. Und wie du dich um die alten Leute kümmerst. Mit deinen 101 Jahren.

 

Und morgen ist ein neuer Tag

Felix Leibrock, Evangelische Redaktion

 

Donnerstag, 30. März 2017

Teamgeist

Ich bin neun Jahre alt. Ich spiele im Verein Fußball. Wir spielen gegen den Tabellenführer.

„Du deckst den Großen da“, sagt mir der Trainer.

Der ist wirklich groß, denke ich mir. Wir verlieren sieben zu null. Mein Gegenspieler hat alle sieben Tore geschossen.

„Ich will nicht mehr Fußball spielen“, sage ich zum Trainer und weine.

„Kommt gar nicht in Frage“, sagt der Trainer. „Deine Mitspieler haben dich im Stich gelassen.“

Einige Monate später spielen wir wieder gegen den Tabellenführer.

„Du deckst den Großen“, sagt mir der Trainer.

„Und ihr helft gefälligst mit, wenn der nach vorne geht“, sagt er zu den Mitspielern.

Ich zittere ein bisschen vor Angst.

„Du packst das“, sagt der Trainer zu mir.

Ich verstehe ihn nicht. Woher nimmt er seinen Optimismus? Aber ich werde kämpfen, sage ich mir.

Nach fünf Minuten stürmt der Große an mir vorbei. Ich fahre das Bein aus. Elfmeter. Der Große schießt. Eins zu null.

„Kämpfen“, ruft der Trainer.

Dann geht ein Ruck durch unsere Mannschaft. Wenn der Große anstürmt, helfen mir die Mitspieler. Und dann schießen wir zwei Tore. Gewinnen.

„Super“, sagt der Trainer nach dem Spiel. Er klopft mir auf die Schulter.

Seitdem weiß ich: Teamgeist ist alles. Und kämpfen lohnt sich.

  

Und morgen ist ein neuer Tag

Felix Leibrock, Evangelische Redaktion

 

Sonntag, 02. April 2017

Der Blumenstrauß

„Darf ich Ihnen den Blumenstrauß schenken?“, fragt der ältere Herr. Nadja ist Studentin und fährt im Bus.

„Äh, wieso denn?“, fragt sie zurück.

„Die wollte ich meiner Frau bringen. Aber sie wird sich freuen, wenn ich Ihnen die Blumen schenke. Ich gehe sie jetzt besuchen.“

Nadja sieht, wie der Mann am Friedhof aussteigt. Er geht zu den Gräbern. Sie schaut verdutzt den Strauß auf ihrem Schoß an. Dreißig rote Rosen. Warum hat der Mann das getan? Seine Frau ist verstorben. Die Blumen waren doch sicher für das Grab bestimmt. Oder wollte er mit seiner Frau gemeinsam etwas Gutes tun?

Nadja überlegt lange. Dann nimmt sie den Blumenstrauß. Sie weiß von einem Obdachlosenheim in der Nähe. Sie meldet sich an der Pforte an. Sie geht von Zimmer zu Zimmer. Jede und jeder erhält eine rote Rose. So was haben sie hier noch nie erlebt. Rosen! Die Augen leuchten. Nadja denkt an den älteren Herrn im Bus. Und an seine verstorbene Frau. Sie erinnert sich an einen Satz: Liebe ist stärker als Tod. Sie weiß nicht mehr, wo sie den gelesen hat. Aber ist jedenfalls was dran, sagt sie sich. Und sieht die eine Rose an, die sie für sich behalten hat.

 

Und morgen ist ein neuer Tag

Felix Leibrock, Evangelische Redaktion